»Transparenz wird überbewertet.«

Am 3. Juni 2016 wurde ein neues Gebäude auf dem Vitra Campus eröffnet: das Schaudepot, entworfen vom Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron. Nach einer mehrjährigen Planungsphase bietet das Schaudepot dem Vitra Design Museum endlich einen Ort für die Präsentation besonderer Objekte aus seiner umfangreichen Sammlung und schafft so eine der weltweit größten Ausstellungen und Forschungseinrichtungen zum Thema Möbeldesign. In der Eröffnungsnacht unterhielt sich Direktor Mateo Kries mit den Architekten des Gebäudes und dem Initiator des Vitra Design Museums, Rolf Fehlbaum.

Mateo Kries: Die Idee, die Sammlung des Vitra Design Museums zu zeigen, stand seit der Gründung des Museums im Jahr 1989 im Raum. Aus welchen Gründen wurde sie bisher nicht der Öffentlichkeit gezeigt?

Rolf Fehlbaum: Im Jahr 1986 beauftragte ich Frank Gehry mit dem Entwurf eines Gebäudes für die Ausstellung einer Möbelsammlung, die ich privat begonnen hatte und die zu diesem Zeitpunkt mit einigen hundert Stücken noch relativ klein war. Als das Gebäude im Jahr 1989 fertiggestellt wurde, hatte sich der vorgesehene Zweck geändert. Ich hatte Alexander von Vegesack getroffen, der zum Gründungsdirektor des Vitra Design Museums wurde, und durch das von uns gemeinsam entwickelte Konzept wurde das Vitra Design Museum zu einem Ort für temporäre Themenausstellungen, die immer noch sehr erfolgreich sind und weiterhin in die ganze Welt reisen. Viele dieser Ausstellungen zogen den Bestand der Sammlung heran, doch sie wurde nie auf eine umfassende Art und Weise gezeigt.

Mateo Kries: Und über die Jahre hinweg wuchs die Sammlung des Museums von ein paar hundert auf über 7.000 Möbelstücke, mehr als 1.200 Leuchten und unzählige andere Objekte an und umfasst heute auch Archivmaterial und die Nachlässe mehrerer der größten Persönlichkeiten auf dem Gebiet des Designs, wie Charles und Ray Eames, Verner Panton, George Nelson und Alexander Girard – es handelt sich um eine einzigartige Ressource. Vor einigen Jahren begannen ernste Diskussionen um ein neues Gebäude. Können Sie uns zurück zur Konzeptphase dieses Projekts führen und über den Übergang vom Konzept zur gebauten Form sprechen?

Jacques Herzog: Die Idee war, einen sehr einfachen Raum zu schaffen, nichts Angeberisches. Wir wussten, dass die Kollektion existierte, aber wir kannten sie nicht sehr gut. Als wir sie kennenlernten, waren wir fasziniert von der Art, wie sie aufbewahrt wurde. Also wollten wir die Atmosphäre des ursprünglichen Sammlungsdepots widerspiegeln, das sich im Keller eines bestehenden Gebäudes befindet, aber nicht öffentlich zugänglich ist. Darüber hinaus wollten wir eine einfache, beinahe archaische Struktur. Vier Wände, ein Dach, eine Tür, keine Fenster.

Mateo Kries: Warum keine Fenster?

Jacques Herzog: Transparenz wird überbewertet. Im Modernismus musste alles transparent sein, um Demokratie zu suggerieren. Unser Gebäude ist hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt – die Transparenz wird im Inneren geschaffen, wo eine sehr kostbare Sammlung von Möbeln und die Arbeit eines Museums vom Besucher auf einer sehr intimen Ebene erlebt werden können.

Pierre de Meuron
: Außerdem ist die Umgebung viel urbaner und komplexer als die der Gebäude am nördlichen Ende des Campus, die inmitten von Obstbäumen stehen. Dieses Gebäude ist umgeben von Wohn- und Gewerbearchitektur. Und dann führt Sie diese kleine Tür wie ein Mauseloch in eine völlig andere Welt.

Jacques Herzog: Wir haben das Gebäude aus Mauerziegeln modelliert, genau wie das direkt daneben liegende Sägezahn-Fabrikgebäude aus dem Jahr 1963. Daher sind sowohl Form als auch Material »einheimisch« und nicht »erfunden« und erfüllen so die kombinierten Ziele, Zurückhaltung zu  praktizieren, den technischen Anforderungen für die Lagerung und Präsentation von Möbeln nachzukommen sowie Funktion auf eine unprätentiöse Weise auszudrücken. Außerdem übernimmt das Mauerwerk selbst eine Art Lager- und Präsentationsfunktion – als aufgeschichtete »Ausstellung« von Ziegeln, von denen jeder sichtbar und einzigartig aufgrund seines charakteristischen Bruchmusters ist.

Jacques Herzog und Pierre de Meuron © 2011, Marco Grob