Die Brasilianer Humberto Campana (geboren 1953) und sein Bruder Fernando (geboren 1961) arbeiten seit 1989 zusammen als Designer in São Paulo. Humberto kam in diese Partnerschaft als künstlerischer Autodidakt mit einem Hochschulabschluss in Jura, Fernando hatte eine Architektenausbildung. Schon die ersten gemeinsamen Arbeiten des ungleichen Paares - brutalistische, surrealistische Möbelskulpturen - sorgten für eine Sensation in der Kunstszene von São Paulo. In den folgenden zwei Jahrzehnten haben sich die Brüder einen Platz unter den erfolgreichsten und angesehensten Designern unserer Zeit erobert und ihre eigenwillige und unverkennbare Objektsprache in einem unglaublich vielfältigen Oeuvre aus Möbeln, Lichtobjekten und Installationen umgesetzt und damit Anerkennung in zahlreichen Publikationen und Ausstellungen gefunden, etwa auf der Experimenta in Lissabon, im Museum of Modern Art in New York und im Londoner Design Museum.
"In unserem Werk geht es um Ansteckung: so wie die Welt uns infiziert hat, wollen auch wir die Welt infizieren."
Humberto Campana1
Die Campana-Sessel "Favela" und "Vermelha", beide von der italienischen Möbelfirma Edra hergestellt, und die Sessel "Banquete", die in Kleinserien in Handarbeit in ihrem Atelier in São Paulo entstehen, ebenso ein aufblasbarer Tisch oder der Sessel "Plastico Bolha", der aus Packfolie mit Luftblasen gemacht wird - all diese Stücke wurden binnen kurzem zu Schlüsselwerken des modernen Designs. Da aber ein Großteil ihrer Arbeit in limitierte Serien oder Einzelstücke mündet, die oft im Privatauftrag entstehen, sehen nur die Wenigsten die große Vielfalt und den schieren Umfang ihres Werks, zu dem gerade in den letzten Jahren einige spektakuläre Stücke hinzu kamen. Außerdem sind bislang kaum Versuche unternommen worden, die Grundgedanken ihres komplexen Oeuvres zusammenzustellen. Zeitlich fällt die Karriere der Campanas mit dem internationalen Erfolg von handgefertigten Einzelstücken und von ausdrücklich künstlerischen Entwürfen zusammen, die oft unmittelbar aus dem Atelier in öffentliche oder private Sammlungen kommen. Fernando und Humberto Campana sind die vielleicht prominentesten Vertreter dieses Trends.
Durch eine Reihe von außerordentlich erfolgreichen Seminaren, die sie für das Vitra Design Museum in dessen Sommerworkshops leiteten, entwickelte sich eine enge Beziehung zwischen dem Museum und den Campana-Brüdern. Sie lieferte wiederum die Grundlage für die Konzeption dieser umfassenden Retrospektive, die einen Überblick über die wichtigsten Werke geben und zugleich den Hintergrund, vor dem sie entstanden, vermitteln soll. Die Ausstellung will die Grundzüge eines Oeuvres deutlich machen, dessen Beschäftigung mit Recycling, mit der Verschmelzung natürlicher und künstlicher Materialien und mit der Simultaneität der Kulturen ein faszinierendes Bild unserer Zeit entwirft. Dabei entwickelte es sich von den Anfängen bis heute auf einer Gratlinie zwischen Design und reiner Kunst und brachte die erstaunlichsten Collagen aus Objekten und Materialien hervorgebracht: "Es ist eine Art Flirt mit dem Material - es steht da und fragt uns: In was könnt ihr mich verwandeln? Das Material bestimmt in unserem Werk die Form und die Funktion." Deshalb richtet die Ausstellung auch ein besonderes Augenmerk auf die Arbeitsweisen der Campanas, die von einer ganzen Reihe von Inspirationsquellen beeinflusst ist - von der üppigen Natur der brasilianischen Regenwälder, von den Improvisationen der Straßenhändler, den Hütten der Slums, von Film, Musik und bildender Kunst. Die Organisation des Ateliers und die Zusammenarbeit mit externen Werkstätten und internationalen Firmen wie Alessi, Edra oder Vitra soll dokumentiert werden, ebenso der interdisziplinäre Ansatz der neuesten Projekte. Neben dieser bisher umfassendsten Werkschau überhaupt, mit einer großen Zahl von Prototypen, Studien und Modellen, die erstmals zu sehen sind, zeigt die Ausstellung auch die formale Vielfalt der Arbeiten und macht dabei den Designprozess stets transparent.
Nach einer biographischen Einführung mit Daten, Fotos, einem gefilmten Interview und dem Stuhl "Negativo", mit dem die Zusammenarbeit der Brüder begann, präsentiert die Ausstellung das Werk der Campanas gruppiert nach den formalen und technischen Grundprinzipien, die ihre Arbeit seither leiten. Zu jeder Gruppe gehören Schlüsselwerke, die entscheidende Punkte ihrer Karriere markieren, und diese werden im Kontext der Arbeiten gezeigt, die sich aus deren kreativen Prinzipien entwickelten.
In der Abteilung "Fragmente" sind Arbeiten zu sehen, die aus der Assemblage gleichartiger Teile entstanden: Eine Neufassung des berühmten "Favela"-Sessels von 1991 gehört zu dieser Gruppe ebenso wie eine Skulptur aus Terrakottascherben, die Humberto 1982 schuf - Jahre bevor die Zusammenarbeit der Brüder begann. Tatsächlich finden sich in der Mehrzahl der Abteilungen neben aktuellen auch frühe Stücke, so dass die kontinuierliche Entwicklung ihrer Interessen sichtbar wird.
Nach einigen Experimenten Mitte der 90er Jahre beschäftigen sich die Campanas in den vergangen Jahren wieder verstärkt mit der Kombination widersprüchlicher Materialien. Das größte Objekt der Ausstellung, eine Sitzskulptur aus Korbgeflecht und Kristallen, von den Campana-Brüdern 2008 aus Anlass ihrer Auszeichnung als "Designer des Jahres" für Design Miami entworfen, zeigt die Ausstellung in einer Installation mit weiteren "Hybriden" wie dem "Animado"-Teppich aus Kuhhaut und Kunstrasen von 1997.
Viele künstlerische Techniken der Campanas lassen an die Methoden der Surrealisten in Malerei, Grafik, Skulptur und Film denken. Dessen Einfluss auf die südamerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts verknüpfen sie mit der im Alltag der Brasilianer weit verbreiteten Praxis des Recyclings vorgefertigter Gegenstände, die als Werkstoffe für eigene Entwürfe uminterpretiert werden.
Viele Möbel und Accessoires der Campanas sind ganz aus linearen Strukturen zusammengesetzt. Man hat den Eindruck, dass sie Muster des realen und des großstädtischen Dschungels vermitteln, als den entscheidenden Koordinaten des brasilianischen Lebens und Fernando und Humberto Campanas ständige Inspirationsquelle - "wir folgen amorphen Ideen" Fernando Campana2.
Die Ausstellung zeigt diese Quellen in Diashows mit zahlreichen Beispielen ihrer eigenen Fotografien sowie in zwei von den beiden Designern selbst gedrehten Kurzfilmen: eine von den Brüdern kommentierte Führung durch die Innenstadt von São Paulo und ein Gang auf ihr Baumhaus außerhalb ihrer Heimatstadt Brotas.
Die Faszination, die die Natur auf Fernando und Humberto Campana ausübt, wird besonders deutlich an den zahlreichen Möbel- und Ausstattungsstücken, die ihre Gestalt nach lebenden Wesen annehmen: an zwei Obstschalen von 1990 zum Beispiel, am Sofa "Kaiman Jacaré" für Edra, den "Drosera"-Wandtaschen für die Vitra-Edition und dem Spielzeug "Mandacarú". Auch hier wird das Thema durch weitere Bilder von ihren Exkursionen illustriert.
Die Arbeiten aus den 1990er Jahren nehmen offenbar eine Sonderstellung in ihrem Oeuvre ein. Unvermittelt stoßen wir auf funktionale Objekte in glatten geometrischen Formen aus industriellen Materialien; der "Inflavel"-Beistelltisch, den das New Yorker MoMA mehrere Jahre lang produzierte, das Regal "Labirinto" und der Sessel "Cone", beide von 1997, sind die bekanntesten Beispiele. Auf den zweiten Blick sehen wir jedoch, dass auch diese Objekte ihre Inspiration einem echt brasilianischen Motiv verdanken: dem kühnen Modernismus eines Oscar Niemeyer oder Roberto Burle Marx, der sich auch in Humberto Campanas Skulpturen aus den frühen achtziger Jahren schon spiegelte.
Die Campanas arbeiten fast ausschließlich mit billigen, alltäglichen Materialien und entdeckten für sich schon früh die vielseitige Verwendbarbeit von Wellpappe. Nach einer Folge von Workshops für das Vitra Design Museum in Boisbuchet (F) und parallel zur Vorbereitung dieses Ausstellung arbeiten sie nun zusammen mit dem Vitra Design Museum an der Entwicklung mehrerer industriell produzierter Utensilien aus Papier, die das Museum erstmals präsentiert, zusammen mit einer Dokumentation über den Prozess von Entwurf und Produktion.
Der früheste Gegenstand des täglichen Gebrauchs, den die Ausstellung zeigt, ist ein Spiegel - einer von vielen, die Humberto Campana in den frühen 1980ern herstellte, überreich dekoriert mit selbst gesammelten Muscheln. Auch die überschäumende Sinnlichkeit ist ein Motiv, das die Campanas in ihrem Werk in immer neuen Spielarten aufgreifen. In ihrer limitieren Lehnstuhl-Serie "Multidao" oder "Banquete" zum Beispiel, deren Exemplare in den letzten Jahren höchste Auktionspreise erzielten, machten die Brüder sich diesen Impuls für immer neue Materialideen zunutze - ein weiteres Beispiel für das Recycling, wie es auf den Straßen von São Paulo allgegenwärtig ist.
Die Ausstellung umfasst etwa 70 Möbelobjekte, 13 Lampen, 8 Schmuck- und Kleidungsstücke, 50 Haushaltsobjekte, 20 Kunstobjekte, 3 Architekturmodelle, 25 Objekte, die die Campanas selbst gesammelt haben, 4 Filme, 1 Diashow und 10 großformatige Fotos.
"Kreativ sein heißt vergnügt sein - auch wenn die Welt rabenschwarz ist. Man muss in sein Innerstes schauen, um zu sehen, was neu für die Seele und neu für die Emotionen ist."
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