Die Lebensumgebung als Ausdruck veränderter Eltern-Kind-Beziehungen
Der Wandel in der Eltern-Kind-Beziehung im Laufe der Zeiten drückt sich auch in der unmittelbaren Lebensumgebung aus. Das Kinderzimmer im
Biedermeier, das Zuhause der streng auf die Rolle der Arbeit ausgerichteten Shaker-Gemeinschaften, eine Latmul-Hütte in Papua-Neuguinea oder der
Gemeinschaftsraum eines chinesischen Kindergartens enthalten jeweils Möbel und andere Objekte, die wichtige Bedeutungsträger sind. Allein schon ihr
Vorhandensein oder ihr relatives Fehlen verrät Einstellungen und Ansichten der Erwachsenen zu Themen wie Lernen, physischer und psychischer Kindesentwicklung,
Intimität und Hierarchie in der Familie, Kontrolle, Autonomie und persönliches Territorium und natürlich vor allem die Rolle des Spiels, der zentralen Aufgabe
der kindlichen Welt über alle Zeiten und Kulturen hinweg. In Kindern wird das menschliche Dasein im Mikrokosmos deutlich. Die Betrachtung der modernen Formen der Kindheit schärft den Blick für die gewaltigen verborgenen
Strukturen von Wünschen, Projektionen und Erwartungen, die Erwachsene an Kinder stellen. Diese Strukturen werden vom Kind in seiner fortlaufenden Neuerfahrung der
Welt im Spiel improvisatorisch gespiegelt, untergraben und fragmentiert. Dieser Prozess vollzieht sich auf vielen Ebenen: Ebenso wie es heutzutage eine
weltumspannende Wirtschaft gibt, die sich auf Kinder ausgerichtet hat, bilden die Kinder weiterhin ihre ganz eigene Wirtschaft und setzen ihre eigene Präsenz ein.
In vielen Kulturen werden Kinder mit Objekten ausgestattet, die ihnen helfen sollen, sich in der Welt der Erwachsenen zurechtzufinden. Womit sie aber tatsächlich
spielen, und wovon sie tatsächlich profitieren, sind aber nicht selten Objekte, welche die Kinder selbst erstellt oder abgewandelt haben und die sie in einer Weise
einsetzen, die von den erwachsenen Designern oder Gebern der Objekte nicht vorauszusehen war. Um dieses Spiel zwischen dem Erwachsenen – für den Spiel das Gegenteil
von Gewohnheit bedeutet – und der kindlichen Beziehung zur Welt geht es uns in unserem konzeptionellen Ansatz in dieser Ausstellung.
Themengruppen
Die Ausstellungsgegenstände sind nach fünf Themenbereichen gemäß den jeweiligen Funktionen gegliedert und präsentieren die Typologien von Schlaf, Grundfunktionen,
Spielformen, Mobilität sowie organisiertes und freies Lernen. Die Auswahl der Gegenstände illustriert dabei die verbindenden Elemente über Kulturen und Epochen
hinweg. Dazu zählen Muster der Lebensformen in gemeinschaftlichen oder Kernumgebungen, Muster der Interaktion, darunter typische tägliche Verhaltensweisen, bei
denen Erwachsene und Kinder in engen physischen Kontakt kommen oder bei denen die Kinder distanziert oder kontrolliert werden sowie Muster der Bereitstellung des
organisierten und freien Spielens und Lernens. Dabei wird deutlich, dass sich die Objekte häufig nicht nur auf einen Themenbereich eingrenzen lassen – schließlich
sind die Funktionen der Objekte aus der Sicht der Kinder selten unabdingbar definiert.
Ausstellungsgegenstände
Unterschiedliche Typen von Artefakten, kontextuelle Abbildungen und ein Video. Zu den Objekten zählen Wiegen und Babybettchen, von denen einige sich zu Spielobjekten umbauen lassen, Hängematten,
Schlafmatten/-säcke und Kopflehnen, Hochstühle und ähnliche Möbel zum Füttern, Wickeln und Anziehen, Schaukelstühle und Hocker, Wackel- und Bauspielzeug, Laufstall, Tische, Spieltür, -wand und
ähnliche Elemente, von Kindern und Erwachsenen erstellte Spielzeuge, Objekte im Zusammenhang mit unterschiedlichen Mobilitätsgraden wie Babywagen, Bollerwagen, Buggies, Fahrradsitze, Autositz,
Lauflernhilfen, Schlitten, Fahrräder, Roller, Babytragetücher und -gestelle, Wickelgestelle, gemeinschaftliche Gegenstände aus dem Kindergarten, Schulmöbel und Schreibtische für Zuhause.
Das Video unter dem Titel Play Me untersucht das Thema des Spiels unter Verwendung von Filmmaterial von den 1930er Jahren bis heute (Produzent: Helena Bullivant).