Das Thema der Ausstellung
Die Trennung, die unsere Kultur seit biblischen Zeiten zwischen Nomaden und Sesshaften vornimmt, hat dafür gesorgt,
dass Hütten, Zelte oder Iglus für uns ebenso wenig Architektur sind, wie wir Körbe, Hängematten oder
Kissen zu den Möbel zählen. Dabei haben derartig mobile, flexible und vielseitig nutzbare Einrichtungen auch bei
uns eine lange Tradition. Sie charakterisierten bereits das Wohnen in Antike und Mittelalter und wurden immer wieder neu
entdeckt, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert. Zudem hat der Austausch mit anderen Kulturen, die ein weniger statisches
Verständnis von Haus und Einrichtung haben als wir, auch unseren Wohnformen immer wieder neue Impulse gegeben. So
waren insbesondere japanische Objekte und Gewohnheiten von grossem Einfluss auf Design und Architektur der Moderne. Zum
zentralen Anliegen dieser Moderne gehörte es, die häusliche Umgebung zu dynamisieren, sei es durch ineinander
übergehende, vielseitig nutzbare Räume oder mit Hilfe multifunktionaler Einrichtungen.
Innovationen durch Flexibilisierung der Wohnwelt
Tatsächlich hat kein anderes Problem bei der Gestaltung der
Living in Motion - Design und Architektur für flexibles Wohnen
Bildergalerie
Wohnwelt eine derartige Fülle von Innovationen
hervorgebracht wie deren Flexibilisierung. Von Frank Lloyd Wright über Gerrit Rietveld, Mies van der Rohe, Charles
und Ray Eames, Jean Prouvé, Joe Colombo oder Achille Castiglioni bis zu Ron Arad, Rem Koolhas oder Shigeru Ban haben
sich bis in die Gegenwart nahezu alle grossen Gestalter mit diesem Thema befasst. Und die fortschreitende Durchdringung von
Arbeits- und Privatleben sowie die wachsende Bedeutung einer mobilen und unabhängigen, flexiblen Lebensgestaltung lassen
uns heute verstärkt nach Möglichkeiten eines Wohnens suchen, das sich von festgelegten Abläufen und auch von
vorgegebenen Standorten löst.
Kreatives Potenzial in globaler Perspektive
Mehr denn je erlaubt und erfordert das präsente Nebeneinander völlig unterschiedlicher Kulturen auch einen globalen
Vergleich, um sich einen Überblick über das kreative Potential flexiblen Wohnens zu verschaffen. Jede Darstellung
des Themas muss jedoch berücksichtigen, dass das, was Architekten, Designer oder Ingenieure an mobilen und anpassungsfähigen
Wohnungen vorgeschlagen haben, sich in eben diese Kategorien oft nicht trennen lässt. So zeigt die Ausstellung "Living in
Motion" neben einem asiatischen Hausboot und dem transportablen "NhEW"-Haus der Gruppe OpenOffice/COPENHAGEN Office,
in denen jeweils Behausung und Einrichtung untrennbar miteinander verschmelzen, eine Vielzahl verblüffender Mischformen, die
weder Möbel noch Architektur sondern eher so etwas wie Mobitektur zu sein scheinen. Und wie in Fortsetzung der Empfehlungen
von Le Corbusier, das Heim als Werkzeug zu betrachten, oder von Joe Colombo, häusliche Einrichtung richtiger Ausrüstung
zu nennen, verweisen die Objekte heutiger Strassenkultur - handybestückte Cargohosen oder Jacken, die sich in Sessel oder
Zelte verwandeln lassen - auf die Bedeutung der Wohnung als Rüstung des eigenen Körpers.
Übergang von statischen und beweglichen Momenten
Wie die Biologie lehrt, gehören Beweglichkeit, Veränderung und Anpassungsfähigkeit letztlich zu den Voraussetzungen
von Leben überhaupt. Der Blick, den die Ausstellung auf solche Kulturen lenkt, die ein anderes Verhältnis zur Natur
haben als wir selbst, ist von daher besonders spannend. Doch ein fliessender Übergang von statischen und beweglichen Momenten
gehört nicht nur zur Natur des Lebens und zum Leben naturnaher Völker, sondern auch zur Natur der uns "gewohnten"
Behausungen. Fenster und Türen als bewegliche Zonen zwischen Drinnen und Draussen und zwischen den Räumen zeugen davon.
Unsere Bewegungen im Haus und aus ihm heraus setzen wir mit dem Auto als dessen Satelliten schliesslich noch fort. Jedes Nomadentum
hat seine sesshaften und jede Sesshaftigkeit auch ihre nomadischen Momente und natürlich gehören zum Wohnen auch Ankommen
und Da-Sein, etwas Schützendes und Bewahrendes, so wie Haus und Einrichtung selbst etwas zu Beschützendes und zu Bewahrendes
sind. Darum kann (bei Flucht oder Obdachlosigkeit) ein bewegtes, mobiles Wohnen durchaus auch Folge von Gefährdungen sein. In
unserer Gesellschaft jedoch haben sich die Werte, die Eigentum einerseits sowie Freiraum und Freizeit für persönliche
Erlebnisse andererseits kennzeichnen, verschoben. Wahrscheinlich liegt deshalb die aussichtsreichste Flexibilisierung unserer Wohnungen
auch in der Entwicklung der möglichen Erlebnisse, die sie uns bieten. Zu diesem Angebot können erweiterte Funktionen der
Datenübermittlung ebenso beitragen wie wandelbare Raumaufteilungen und Einrichtungsgegenstände.