"George Nelson ist einzigartig. Er ist ein Industriedesigner mit Sinn für Humor"
Arthur Drexler
George Nelson (1908-1986) wäre 2008 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat das Vitra Design Museum die erste umfassende Retrospektive als Wanderausstellung konzipiert. Nelson war eine der prägenden Figuren des amerikanischen Designs der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der studierte Architekt mit Abschluss in Yale war nicht nur Architekt und Designer, sondern auch ein viel beachteter Autor und Publizist, Dozent, Ausstellungsmacher und passionierter Fotograf. In seinem Büro entstanden Klassiker des modernen Möbel- und Interior Designs: der Coconut Chair (1956), das Marshmallow Sofa (1956), die Ball Clock (1947) und die Bubble Lamps (ab 1952). Als Designdirektor des Möbelherstellers Herman Miller, einem führenden Vertreter modernen Designs in den USA, prägte Nelson das Programm und die Außendarstellung des Unternehmens über mehr als zwei Jahrzehnte. Er hatte entscheidenden Anteil daran, dass die Firma die Designer Charles Eames, Alexander Girard und Isamu Noguchi für sich verpflichten konnte. Schon früh vertrat Nelson die Überzeugung, dass Design integraler Bestandteil einer Unternehmensphilosophie sein müsse und wurde damit zu einem Pionier der Unternehmenskommunikation und des Corporate Designs.
Als Architekt, Designer und Autor setzte sich Nelson intensiv mit Fragen des Wohnens und der Ausstattung des Hauses auseinander. In seinem Bestseller "Tomorrows House" (1944, zusammen mit Henry Wright), formulierte Nelson die bahnbrechende Idee der Storage Wall. Um die Wände des Hauses für die Aufbewahrung von Dingen nutzbar zu machen, schlug Nelson vor, diese komplett durch vom Boden zur Decke verlaufende Schrankwände zu ersetzen. Ein für die damalige Zeit revolutionärer Vorschlag und ein Vorgriff auf die Produktflut des westlichen Wirtschaftsbooms, die das Einfamilienhaus nach und nach in ein Warenlager verwandelte.
Nelson entwarf mehrere Privathäuser, darunter das New Yorker Stadthaus für Sherman Fairchild (1941, zusammen mit William Harmby) oder das Spaeth House (1956, zusammen mit Gordon Chadwick) am Strand von Southampton. Als überzeugter Verfechter einer Industrialisierung des Bauens beschäftigte sich Nelson in vielen seiner Texte mit dem Thema Fertigbau. In den 1950er Jahren entwickelte er ein modular angelegtes "Experimental House" aus von Plexiglaskuppeln bedeckten Kuben, die sich jeder Bewohner nach seinen individuellen Raumbedürfnissen zum Eigenheim zusammensetzen sollte.
Ebenso ausgiebig wie mit der Architektur und Einrichtung des Wohnhauses beschäftigte sich Nelson mit der Ausstattung des Büros. Er entwarf unter anderem den ersten L-förmigen Schreibtisch als individuelle "Workstation", war wesentlich an der Gestaltung des Action Office von Herman Miller beteiligt (1964) und konzipierte in den 1970er Jahren sein eigenes Bürosystem "Nelson Workspaces". Wie schon bei Nelsons Wohnmöbeln und bei seiner experimentellen Architektur spielte hier die Idee eines Systems, das auf verschiedenen, frei kombinierbaren Modulen basiert, eine zentrale Rolle.
Die Gestaltungsaufgaben, die Nelson mit seinem Designbüro übernahm, gingen jedoch weit über das Möbeldesign, für das er heute bekannt ist, hinaus und zeichnen sich durch eine außergewöhnliche Vielfalt aus. Zu seinen Kunden gehörten viele große Industrieunternehmen wie Abbott, Alcoa, BP, Ford, Gulf, IBM, General Electric, Monsanto und Olivetti, aber auch die amerikanische Regierung. In Nelsons Büro, das er 1947 in New York gründete und über drei Jahrzehnte leitete, waren zeitweise mehr als 50 Mitarbeiter tätig, darunter bekannte Namen wie Ettore Sottsass oder Michael Graves. Neben Ausstellungen, Restaurant-Interieurs und Schauräumen entwarfen Nelson & Company Küchen, Besteck und Geschirr, Plattenspieler und Lautsprecher, Vogelhäuschen und Wetterfahnen, Computer und Schreibmaschinen, Firmenlogos und Verpackungen, Teppiche und Kacheln.
Einen Höhepunkt fanden Nelsons vielseitige Fähigkeiten in der Gestaltung und Organisation der American National Exhibition 1959 in Moskau. Dort wurden mehrere Hundert von Nelson und seinen Mitarbeitern ausgewählte amerikanische Industrieprodukte gezeigt, für die er eine riesige dreidimensionale Ausstellungsplattform mit mehreren Ebenen entwickelte. Außerdem richtete er ein Modellappartement ein und entwarf einen großen Fiberglasschirm als Bauteil für zwei weitere Ausstellungspavillons. Die Moskauer Ausstellung ging als Schauplatz der berühmten "Kitchen Debate" zwischen Nixon und Crustchov in die Geschichte ein. Ähnlich spektakulär war der von Nelson gestaltete Chrysler Pavillon bei der Weltausstellung 1964 in New York, mit einem von der Pop Art inspirierten 64 Fuß langen Chrysler und einem überdimensionierten Motor als Ausstellungshalle. Während in dieser Ausstellung noch dem Auto gehuldigt wurde, war Nelson in seinen Texten und Vorträgen über Stadtentwicklung und -planung dem Auto gegenüber jedoch eher kritisch eingestellt. Schon 1943 skizzierte er in seinem Text "Grass on Main Street" das Konzept der Mall als autofreie Einkaufszone.
Als Autor und Journalist hatte Nelson seine Karriere nach seinem Architekturstudium begonnen und als Publizist brillierte er Zeit seines Lebens. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift Architectural Forum, arbeitete aber auch für viele weitere namhafte Magazine wie Fortune, Life, Industrial Design, Interiors und Harper's. Dazu veröffentlichte er mehr als ein halbes Dutzend Bücher zu Designthemen. Nelson war Mitbegründer der ab 1951 jährlich stattfindenden Aspen Design Conference und dort regelmäßiger Teilnehmer. Wohl nicht zuletzt aufgrund seines guten Sinns für Humor und seiner Neigung zu provokanten Thesen war er viel gebuchter Teilnehmer bei zahllosen weiteren Konferenzen und Symposien. Zur Hochzeit des Kalten Krieges trat er 1961 mit seinem Vortrag "How to Kill People. A Problem of Design" im Fernsehen auf: Ein ebenso treffender wie bissiger Kommentar zum Kalten Krieg aus Sicht des Designers.
Zusammen mit den Eames war Nelson einer der Pioniere des Multimediavortrags. Häufig griff Nelson dafür auf eigene Fotos zurück, die er während seiner vielen Reisen machte. Seine fotografische Tätigkeit und seine Beschäftigung mit Alltagsästhetik mündeten unter anderem in seinem Buch "How to See", mit dem er Anregungen zu einer bewußteren Wahrnehmung unserer alltäglichen Umgebung lieferte.
Die Ausstellung gliedert sich in fünf Themenbereiche. Die zahlreichen Nelson-Möbel aus der Sammlung des Vitra Design Museum - darunter viele der Klassiker aber auch weniger bekannte Entwürfe - bilden den Kern der Ausstellung. Sie teilen sich auf drei Themenbereiche auf:
1. Nelsons Haus: Nelson als Pionier in der Planung und Ausstattung des modernen Einfamilienhauses in den 1940er und 1950er Jahren: Sherman Fairchild House (Stadthaus in New York, 1941), The House of Tomorrow (Buch und Bestseller über das moderne Haus, 1944), The Holiday House (Modellferienhaus für das Holiday Magazine,1950), Experimental House (Modular angelegtes Fertighaus, 1952-57). Weitere Themen: Aufbewahrung (Storage Wall (1944), Herman Miller Case Goods (ab 1946), Comprehensive Storage System (1959)), Sitzmöbel (Coconut Chair (1956), Marshmellow Sofa (1956) etc.) und Küchenplanung.
2. Corporate Design: Nelson und seine Arbeit als Designer und Designdirektor für Herman Miller. Broschüren, Anzeigen und historische Tonaufnahmen dokumentieren die Entwicklung des Corporate Designs von Herman Miller von Mitte der 1940er bis in die 1960er Jahre. In diesem Zusammenhang werden auch andere Corporate Design Programme, wie etwa für den Pharmazeutika-Hersteller Abbott (1959) präsentiert.
3. Das Büro: Nelson als Pionier in der Entwicklung der modernen Bürolandschaft: Der Lförmige Schreibtisch als Workstation (1947), Action-Office (1964), Nelson Workspaces (1977).
4. Nelsons Ausstellungsdesign: Hier steht die Amerikanische Nationalausstellung in Moskau (1959) im Mittelpunkt, für deren Realisierung Nelson als Chefdesigner verantwortlich war. Weitere Themen: Der Chrysler Pavillon auf der New Yorker Weltausstellung (1964/65), Nelsons Ausstellungstätigkeit für die United States Information Agency.
5. Nelson als Autor, Publizist und einer der bedeutendsten Denker und Vordenker im Design des 20. Jahrhunderts. Hier gibt die Ausstellung nicht nur einen Überblick über die zahlreichen Artikel und Bücher Nelsons, sondern zeigt auch seine Filme und Diavorträge, in denen sich Nelson mit der Gestaltung unserer Städte, unserem Konsumverhalten und Fragen der ästhetischen Wahrnehmung auseinandersetzte.