Curator's Statement

Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums
und Kurator der Ausstellung »Objekte der Begierde.
Surrealismus und Design 1924 – heute«


Die Ausstellung »Objekte der Begierde. Surrealismus und Design 1924 – heute« ist hoch aktuell, weil sie zeigt, dass Design nicht nur eine Dienstleistung ist, sondern auch ein Feld für Utopien, für Kritik und für spekulative Gegenentwürfe zum Status Quo sein kann. Genau das strebten die Surrealisten ja an: Sie wollten unsere Realität ändern, indem sie radikal subjektive Werke schufen, die schonungslos die menschliche Psyche und die gesellschaftlichen Zustände erkunden. Gerade heute zeigt sich, dass Designer in Zeiten von Krisen und Konflikten ihre Rolle in der Gesellschaft erneut radikal in Frage stellen und das Interesse am Surrealen – also an einer Wirklichkeit jenseits des Gewohnten und Bekannten – wieder groß ist. Das gilt für Entwürfe des Critical Design von Dunne & Raby ebenso wie für den Umgang mit neuen Technologien, die subversiv genutzt werden können.

Die Ausstellung geht von diesen aktuellen Bezügen aus und entwickelt daraus ein großes Panorama der wechselseitigen Beeinflussung von Surrealismus und Design in den letzten 100 Jahren. Dabei wird deutlich, dass der Dialog zwischen der Kunstrichtung und der Disziplin in seiner Bedeutung bislang völlig unterschätzt wurde, denn er hat schon Designer der Nachkriegszeit wie Carlo Mollino, Vertreter des italienischen Radical Design, aber auch viele Werke der Postmoderne geprägt. Ein wichtiges Thema ist dabei der Umgang mit Geschlechterrollen: Zahlreiche surrealistische Künstlerinnen wie Meret Oppenheim oder Leonor Fini trugen entscheidend dazu bei, festgefahrene Geschlechterklischees im Alltag zu entlarven und inspirierten damit auch viele Designerinnen und Designer.

Die Ausstellung liefert also zum einen eine neue Lesart des Surrealismus, indem sie zeigt, wie diese Kunstbewegung in den letzten 100 Jahren unsere Alltagskultur beeinflusst und sich weit über die Grenzen der Kunst hinaus verbreitet hat. Zum anderen präsentiert sie einen hoch aktuellen Blick auf das Design der Gegenwart und eine seiner wichtigen Inspirationsquellen. Die Readymades eines Marcel Duchamp oder die rätselhafte Dingwelt auf Gemälden von Salvador Dalí oder René Magritte gewinnen in der Ausstellung aus dieser Perspektive eine neue Relevanz.

Laufzeit der Ausstellung: 28.09.2019 – 19.01.2020

Weitere Informationen finden Sie hier.

Dunne & Raby, Designs for an overpopulated planet: Foragers, 2009; Foto: Jason Evans
Meret Oppenheim, Handschuhe (Parkett Edition, Nr. 116/150), 1985; Mit freundlicher Genehmigung von Ursula Krinzinger, Foto: Jasha Greenberg, Copyright für die Werke von Meret Oppenheim: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Carlo Mollino, Arabesco, 1950 © Vitra Design Museum, Foto: Jürgen HANS