»Es geht darum, menschlich zu sein.«

Alejandro Aravena (*1967) leitet sein eigenes Architekturbüro in Santiago de Chile. Mit dem Unternehmen Elemental engagiert er sich in sozialen Bauprojekten. Für die Ausstellung »Louis Kahn – The Power of Architecture« sprachen wir mit Aravena über Kahns Werk und dessen Relevanz für das heutige Bauen.

Wann wurden Sie erstmals auf Kahn aufmerksam?

Ich glaube, das war bereits in der ersten Woche meines Architekturstudiums. Fernando Pérez, einer meiner Professoren und Mentoren, hielt eine Einführungsveranstaltung zum Thema Architektur. Ich erinnere mich daran, dass der folgende Satz fiel: »Order is.« Und das nächste Dia zeigte dann einen Plan der Akropolis in Athen. Einen Plan, auf dem jedes einzelne Gebäude
anders ausgerichtet war, nicht nach dem, was wir konventionell unter einer Ordnung verstehen. Das war die Einführung zu Kahn, der Versuch, das Gesetz zu verstehen, nach welchem die einzelnen Elemente im Raum angeordnet werden.

Welche von Kahns Gebäuden und Büchern haben den stärksten Eindruck auf Sie gemacht und aus welchem Grund?

Als ich im Jahr 2009 erstmals nach Ahmedabad in Indien kam, stieg ich aus dem Auto und befand mich in diesem Gebäude – und mir war in dem Moment gerade nicht klar, um welches es sich handelte – und meine erste Reaktion war: »Zur Hölle! Was zur Hölle ist das denn?!« Natürlich wird dir dann nach ein paar Sekunden klar, dass es Kahn sein muss. Es war das Indian Institute of Management und es war wie ein Schlag ins Gesicht. Ein rohes, ungeschlachtes Ding. Ein Gebäude, vielleicht zweitausend Jahre alt, vielleicht aber auch erst im gegenwärtigen Jahrzehnt erbaut, es ließ sich wirklich nur schwer sagen. Derart angemessen und so fein abgestimmt: auf die Umgebung, das Wetter, den Verwendungszweck, das Entwicklungsniveau in Indien, im Hinblick darauf, mit Armut leben zu können, aber gleichzeitig die Lebensqualität zu erhöhen, auch auf ganz schlichte Weise. Das war einer dieser ganz großen Eindrücke, die bewirken, dass man zurück ins Büro geht und sagt: »Hör auf mit dem, was du gerade machst.«

Sie haben auch Bangladesch besucht. Welchen Eindruck hat das Regierungsviertel in Dhaka bei Ihnen hinterlassen?

Für Dhaka war, wie ich glaube, die gesamte Reise wichtig, um das Gebäude zu beurteilen: die Tatsache, dass man in ein derart armes Land kommt und zugleich zu einem Gebäude gelangt, das im Wissensfundus, den die Architektur hat bilden können, einen der Höhepunkte darstellt. Einer der intensivsten Eindrücke war der Sprung im Maßstab vom Detail hin zum Gesamtvolumen. Ein weiterer Eindruck bestand in der außergewöhnlichen Fähigkeit des Baus, als Hintergrund für das alltägliche Leben gut zu funktionieren. An Sonntagen halten sich ganze Familien dort auf und nutzen es als einen Ort, um sich zu vergnügen. Das Gebäude ist zwar ein derart abstraktes Element, dass es als
Kunstwerk anzusehen ist, jedoch widersetzt es sich auch dieser konzentrierten Aufmerksamkeit und bietet dem Leben eine Bühne. Es ist Teil einer globalen Hochkultur und interpretiert zugleich die lokalen Verhältnisse einer spezifischen Gruppe von Leuten. So etwas kommt in der Geschichte der Architektur nur sehr selten vor.

Sie haben Ihr Büro Elemental genannt. Könnten Sie das ein wenig näher ausführen?


Wenn man mit Knappheit zu tun hat, gibt es zwei Möglichkeiten: sich darüber zu beklagen, nicht genügend Ressourcen zu haben – oder zu versuchen, aus der Knappheit einen Filter gegen Willkürlichkeit und Überflüssiges zu machen. Wenn man es mit Sozialwohnungsbau oder mit städtischen Projekten in einem Entwicklungsland wie Chile oder Lateinamerika im Allgemeinen zu tun hat, ist man gezwungen, alles wegzulassen, was nicht unbedingt notwendig ist. Wir denken, dass das ein Privileg ist, weil es uns letztendlich eine Annäherung an das Leben und seine archaischsten Bedürfnisse ermöglicht. Das ist zeitlos. Es geht nicht um das Überleben, sondern vielmehr darum, menschlich zu sein, in der reinsten Form. Wie wenn man ein gutes Gespräch hat. Wie baue ich eine Beziehung zu meinen Nachbarn auf? Ich weiß, dass Kahn nach diesen Beziehungsformen suchte. Jedes Programm wurde mit einer alten Vorstellung von einer Institution in Zusammenhang gebracht. Wie eine Schule, bei der es sich im Grunde genommen um ein gutes Gespräch zwischen zwei Menschen unter dem angenehmen Schatten eines Baumes handelt. Aber natürlich ist Kahn nun mal Kahn, und ich würde nicht wagen, uns damit zu vergleichen. Wir bemühen uns einfach nur, die Gelegenheit zu nutzen und diesem Weg zu folgen.


Weitere Informationen zur Ausstellung "Louis Kahn – The Power of Architecture"

Erwin Wurm