»Das Objekt sollte aus der Leinwand heraustreten... «

Allen Jones im Gespräch

Allen Jones ist einer der wichtigsten Vertreter der britischen Pop-Art. In der Ausstellung „Pop Art Design“ ist er mit seinen Möbelskulpturen von 1969 vertreten, die Frauen in aufreizenden Posen zeigen und die Grenze von Kunst und Design in Frage stellen. Mit Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums, sprach Jones über seine Arbeit und die Inspirationen, die Pop noch heute bietet.

Sie studierten in den späten 1950er Jahren am Royal College of Art in London mit David Hockney und Ronald Brooks Kitaj. Wie entstanden in dieser Umgebung die Ideen der Pop-Art?

Zu dieser Zeit schauten die meisten jungen Künstler auf den amerikanischen abstrakten Expressionismus. Aber am Royal College of Art gab es eine Studentengruppe mit einem starken Interesse für figurative Kunst. Die suchte überall nach Inspirationen, nur nicht in der figurativen Tradition, die in England von Walter Sickert ausging! Künstler wie Richard Hamilton und Edouardo Paolozzi experimentierten in der Ausstellung „This is tomorrow“ mit völlig neuartigen Darstellungsformen und brachten der Öffentlichkeit die radikale Kunstszene nahe, die sich in New York entwickelte. Ebenso wichtig war für mich natürlich der Autor und Kritiker Lawrence Alloway. Ich war ein Stadtkind und wir alle teilten die Idee, dass das Stadtleben fortan unsere wichtigste Inspirationsquelle werden sollte.

Worin genau bestanden diese Inspirationen?

Ich wuchs in einem Vorort westlich von London auf und als Student verbrachte ich fünf Jahre damit, täglich drei Stunden quer durch London zu fahren, um die Kunstschule zu besuchen. Die Stadt wurde für mich zur Befreiung von der Kindheit und stand für alle Möglichkeiten, die das Leben zu bieten hat: Passanten und Paraden, Siegesfeiern und Krönungen, Museen, Konzerthallen und das London Palladium.

Wie entstanden aus diesen Überlegungen die provokanten Frauenfiguren der 1960er Jahre?

Schon zuvor hatte ich mich damit beschäftigt, das Bild aus der Leinwand hervortreten zu lassen, hatte beispielsweise ein Regal an einer Leinwand befestigt. In den 60er Jahren konzentrierte ich mich auf Frauenfiguren. Meine Darstellungen wurden voluminöser, stilisierter und, meiner Meinung nach, attraktiver. Dann wollte ich auch hier die Verbindung von Bild und Raum vorantreiben und dachte: Wenn ich diese Frauen möglichst plastisch darstellen will, warum sollte ich sie nicht gleich wirklich modellieren? Meine „Möbel“-Skulpturen entstanden genau aus diesem Gedanken heraus, aus einer bildnerischen Idee. Ich begann mit einer stehenden Figur, die ich in Straßenkleidung zeigen wollte. Ich dachte, sie könnte aussehen wie ein Überbleibsel des Surrealismus, eine Schaufensterpuppe oder ein „objet trouvé“. Die Lösung fand ich in einem Erotikcomic für Erwachsene, in dem eine Figur als tragende Stütze einer Tischplatte dargestellt wurde. Ich wollte den künstlerischen Kanon und die Erwartungen, was Kunst sein soll, infrage stellen!

In den 1960er Jahren muss es auch technisch kompliziert gewesen sein, solche realistischen Plastikfiguren herzustellen. Wie wurden sie eigentlich entwickelt?

Ich ging zu Leuten, die Wachsfiguren für Madame Tussauds und andere Museen machten, und die vermittelten mich an einen kommerziellen Bildhauer. Ich gab ihm einige Zeichnungen und ging mehrmals die Woche hin, um die Tonfiguren zu überwachen, die er daraus modellierte. Als diese meinen Erwartungen entsprachen, formten wir das ganze aus Fiberglas, und so weiter… Ich bestellte die Figuren bei einem Lieferanten, weil ich nicht wollte, dass es dabei um meine bildhauerischen Fähigkeiten oder Fragen des Ausdrucks ging.

Die Figuren geben vor, Gebrauchsobjekte zu sein – spielte dabei auch ein Interesse an Design eine Rolle?

(Lacht) Also das Erste, was ich als junger Mann kaufte, als ich etwas Geld übrig hatte, war ein Eames Lounge Chair mit Ottoman! Ich lebe noch heute mit Möbeln von Eileen Gray und Corbusier-Stühlen, die ich in dieser Zeit gekauft habe. Meine Frau war Direktorin eines Design-Unternehmens und richtete auch ein Design-Studio für Terence Conran ein, sie hat also auch Ahnung von diesem Thema. Auch meine „Möbel“-Skulpturen wurden in gewissem Sinne „designed“, obwohl sie als Kunstobjekte keine nützliche Funktion haben. Für mich bedeutet Design die rationelle Lösung eines Problems. Designer lösen Probleme, während Künstler sie aufwerfen.

Eines der Hauptmotive in ihrem Werk sind Frauen in aufreizenden Posen. Ist Pop-Art chauvinistisch? Oder nehmen Sie Bezug auf sexuelle Befreiung, auf Feminismus?

Ich lebte in den 1960er und 1970er Jahren auf der King’s Road in London, wo ich die Körperbefreiung und die sozialpolitische Situation nach den strengen Nachkriegsjahren miterlebte. Sogar ein Spaziergang mit unseren Zwillingen war wie der Besuch in einem Freilufttheater! Jede Woche wurden die Miniröcke etwas kürzer, die Farben bunter und die Schnitte enger – Rachel Welch in den Boutiquen und die Stones im Radio. Es war die Zeit, als Nylon aufkam, und auf einmal kam die Befreiung in der Mode an. Materialien aus dem Sport tauchten in der Mode auf, sogar Bezüge zur Raumfahrt. Es wurde möglich, den Körper zu bekleiden, und ihn dennoch komplett zu enthüllen! Leder und Latex kamen vom Schrank auf den Catwalk, Jungs konnten aussehen wie Mädchen. Niemand lebt in einem Vakuum, vor allem kein Künstler, das spiegelte sich auch in meiner Arbeit. Nach so langer Zeit könnten meine Skulpturen auch wie ein Relikt dieser Ära wirken.

Der legendäre Sammler Gunter Sachs, der Ehemann von Brigitte Bardot, besaß einige Ihrer berühmten Stücke, kürzlich wurden sie für einen Rekordpreis versteigert. Was dachten Sie, als Sie davon hörten?

Ich freute mich natürlich, aber ich sagte zu meiner Frau, dass es die Arbeit im Atelier nicht leichter macht!

Wie blicken Sie heute auf das Phänomen Pop? Hat es unsere Gesellschaft verändert, oder war es einfach eine weitere Kunstbewegung?

Ich denke, keine andere künstlerische Bewegung des 20. Jahrhunderts war ähnlich langlebig und einflussreich wie Pop, außer vielleicht der Kubismus. Als ich in den 1950er Jahren studierte, war der Kubismus gerade 40 Jahre alt. Für unsere Lehrer war er immer noch Avantgarde, für uns hingegen war er schon Geschichte, an der wir uns abarbeiteten. Heute ist Pop-Art ungefähr in dem gleichen Alter, und junge Künstler und Designer, die bei der Entstehung der Pop-Art noch nicht mal geboren waren, plündern sie ebenso wie wir damals den Futurismus oder Kubismus.

Allen Jones