»Design ist immer auch eine moralische Entscheidung.«
Interview mit Hella Jongerius
»Design ist immer auch eine moralische Entscheidung.«
Hella Jongerius zählt seit Jahrzehnten zu den wichtigen Stimmen im internationalen Design. Bekannt für ihre kompromisslose Haltung zu Material, Farbe und Form stellt sie immer wieder die Grundlagen ihres Fachs infrage – und damit auch sich selbst. Zwischen Handwerk und Industrie, Forschung und Intuition sucht sie nach Wegen, Gestaltung verantwortungsvoll zu denken und zu praktizieren. Im Gespräch mit Louise Schouwenberg spricht die niederländische Designerin über Moral im Design, die leise Macht der Dinge und die »langsame Revolution«, die unsere Vorstellung von Wert und Fortschritt grundlegend verändern könnte.
Die Welt steht vor einer Vielzahl von Krisen – Kriege, Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit. Welche Rolle kann Design in einer solchen Situation spielen?
Hella Jongerius: Design trägt Mitverantwortung. Lange habe ich den Einfluss unseres Berufs unterschätzt. Heute glaube ich: Viele Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit müssen von Designerinnen und Designern kommen – gerade weil sie an der Entstehung vieler Probleme beteiligt waren. Gestaltung formt Verhalten. Wer Dinge entwirft, gestaltet auch Weltbilder.
Sie sprechen von Verantwortung – kann Design überhaupt moralisch sein?
Dinge sind nie neutral. Sie verkörpern Moral, Macht, manchmal auch Gleichgültigkeit. In den Spuren ihrer Herstellung liegen Geschichten über Arbeit, Ressourcen und Beziehungen. Design ist immer auch Soziologie. Es erzählt, wie wir leben und was wir wertschätzen. Wir müssen lernen, diesen stillen Erzählungen zuzuhören.
Ihre Serie Angry Animals scheint diese Erzählungen laut werden zu lassen.
Ja – die Tiere schreien. Sie geben den Stimmlosen eine Stimme. Das kann man als Kommentar zur Designwelt lesen.
Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?
Das Marktdenken. Wert wird fast ausschließlich in kapitalistischen Begriffen verstanden. Doch wir müssen beginnen, moralische Entscheidungen zu treffen, bevor wir ökonomische treffen. Die Philosophin Eva von Redecker spricht von einer »langsamen Revolution« – kleinen Gemeinschaften, die Alternativen leben. Ich glaube, Design kann Teil dieser Bewegung sein.
Viele junge Designerinnen und Designer verstehen sich heute als Forscherinnen und Forscher. Ist das für Sie ein Zeichen des Wandels?
Auf jeden Fall. Was heute geschieht, geht weit über die Bewegungen der 1970er oder 1990er Jahre hinaus. Junge Designerinnen und Designer brechen mit bestehenden Systemen, arbeiten mit Wissenschaft, denken über Materialkreisläufe und Vergänglichkeit nach. Forschung wird zum Motor einer neuen Designesthetik.
Aber solange der Markt dominiert, bleibt ethisches Design doch oft eine Nische.
Veränderung beginnt nie im Zentrum, sondern in den Zwischenräumen. Dort, wo Menschen Dinge anders denken – unvollkommen, veränderbar, offen für Nachleben. Designerinnen und Designer können Empfänglichkeit schaffen: für Verantwortung, für Zeit, für Beziehungen zwischen Material und Mensch. Das ist vielleicht ihre wichtigste Aufgabe.
Wenn Sie heute noch einmal beginnen könnten – würden Sie sich wieder für Design entscheiden?
Ja. Aber ich würde es stärker mit Philosophie, Soziologie und Politik verbinden. Wir müssen verstehen, was falsch läuft, um neu zu gestalten. Design ist kein Luxus mehr, sondern eine Überlebensfrage. Neue Lebensweisen, neue Rituale, neue Beziehungen zu Materialien – all das verlangt nach Fantasie und Mut. Ich möchte Teil dieser langsamen, tiefen Revolution sein.
