»Musik ist eine Sprache, ein Kommunikationsmittel. Sie fügt eine weitere Ebene zu dem hinzu, was man sieht.«
Interview mit Michel Gaubert
»Musik ist eine Sprache, ein Kommunikationsmittel. Sie fügt eine weitere Ebene zu dem hinzu, was man sieht.«
Michael Gaubert prägt seit über 30 Jahren den Sound der internationalen Mode. Als Music Supervisor hat er den Ton für internationale Laufstegshows und nahezu jedes große Modehaus, darunter Chanel, Dior, Valentino und Loewe, vorgegeben – immer mit einem Gespür für Sound, der die Mode nicht nur begleitet, sondern auch prägt. Im Gespräch mit den Kuratoren Jochen Eisenbrand und Katharina Krawczyk erinnert sich der ehemalige DJ an herausragende Momente, von einer musikerfüllten Nacht in Kuba bis hin zu Shows mit politischer Botschaft.
Wer hat die Musik in die Modeschauen eingeführt?
Michel Gaubert: Ich würde sagen, Courrèges, denn seine Frau war Choreografin. Es war auf jeden Fall in dieser Ära. Es gab diese tolle Modesendung im französischen Fernsehen Dim Dam Dom. Damit bin ich aufgewachsen. Das war mein sonntägliches „Wow“-Programm. Viele Künstler waren daran beteiligt. Sie ließen Romy Schneider oder Catherine Deneuve die Couture-Kollektionen präsentieren, alles sehr schön gefilmt. Einige der Musikstücke waren auch sehr gut. Es war immer sehr interessant zuzusehen.
Was sind die wichtigsten Entwicklungen in der Welt der Modeschauen?
Die größte Verbesserung - ob gut oder schlecht - ist, dass die Modenschauen überall sofort sichtbar sind. Wenn Prada am Sonntagmittag eine Show zeigt, weiß um 13 Uhr die ganze Welt davon. Alles wird wie bei einer Autopsie analysiert. Das ist aufregend, nimmt aber auch den Zauber. Wenn die Kleider in die Läden kommen, hat man schon genug von ihnen. Es ist wie bei Uber Eats – man überlegt nicht lange, sondern bestellt einfach.
Für Moncler haben Sie ein Silent Event kreiert. Wie lief das ab?
Das haben wir letztes Jahr gemacht, unter freiem Himmel. Wir konnten keine laute Musik spielen, wegen der Tiere und der Nachbarn. Also haben wir uns für eine Silent-Disco entschieden. Alle trugen Kopfhörer, und die Models liefen in Stille. Die Musik war von klassischen Filmen inspiriert. Der letzte Titel war “Inside the Silence".
Was bedeutet die Musik für die gezeigte Mode?
Sie verleiht der Show eine weitere Ebene. Musik ist eine Sprache, eine Möglichkeit, Gefühle zu vermitteln. Sie schafft Atmosphäre, wie im Film. Es geht nicht nur um Kleidung. Die Designer beginnen oft mit einem Stück. Wie Oliver Theyskens bei Nina Ricci, der sagte: „Bei dieser Show dreht sich alles um ‚Pornography‘ von The Cure.“ Also haben wir alles darum herum aufgebaut. Das ist es, was ich tue - ich forme den Sound zu etwas, das zur Show passt.
Welche Modeschauen sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Da wäre einmal Raf Simons' Präsentation der Herbst/Winter-Kollektion 2018 von Calvin Klein in New York. Das Set erinnerte an eine Scheune, bedeckt mit Popcorn, mit Warhol-Drucken an den Wänden und Musik wie von David Lynch. Dann die Chanel Cruise Show 2016: Sie fand auf Kuba mit Live-Musik statt. Die Zusammenarbeit mit den kubanischen Musikern war fantastisch. Am Schluss tanzten alle auf dem Laufsteg. Und vor kurzem die Schau für Willy Chavarria in Paris, weil sie so politisch war. Wir spielten die Predigt von Bischof Mariann Edgar Budde, in der er sich gegen Trump äußerte. Das war schon stark.
Welchen Einfluss haben technische Entwicklungen auf Ihre Arbeit? Und gibt es Dinge, die sich niemals ändern?
Als ich anfing, war Vinyl der Standard, dann Kassetten, Tonbänder, MiniDiscs, CDs und jetzt eben USB. Das vereinfacht vieles; entscheidend ist aber das Konzept. Die Technik ändert sich, das Gespür bleibt. Und es stimmt, ich archiviere alles – ich habe schon fünf Festplatten voll. Sonst geht die Musik verloren, besonders online. Da werden Original-Tracks aus rechtlichen Gründen ersetzt. Dabei ist die Musik absolut zentral für das Erlebnis Modeschau.
