»Design kann Wandel erzeugen.«

Jurgen Bey im Gespräch

Jurgen Bey ist einer der bekanntesten Designer der Niederlande und wurde durch Entwürfe bekannt, die sich zwischen Kunst und Design bewegen. Im Interview mit Kuratorin Amelie Znidaric spricht er über Gerrit Rietveld und seine eigene Arbeit.

Sie sind an der Amsterdamer Rietveld Academie tätig. Wie stehen Sie zu Gerrit Rietveld?

Ich mochte die Moderne nie, ich fand sie so starr. Aber das ändert sich. Für die Arbeitswelt oder das Gesundheitswesen passt Rietvelds Architektur sehr gut. Er strebte nach Offenheit, Licht, sauberer Luft, nach einem Raum, der seine Klarheit behält, egal was man darin tut. In den letzten zwanzig Jahren ist Design in den Niederlanden immer ornamentreicher geworden, historischer, handwerklicher. Aber das macht Räume heimelig und unordentlich. Es passt nicht in den Arbeitskontext.

Haben Sie das Gefühl, dass das Pendel bei der jüngeren Generation nun wieder zurückschwingt zu Rietvelds Klarheit?

Ich merke nur an mir selber, dass ich mich immer mehr für Industrie interessiere, obwohl ich mich nicht als Industriedesigner bezeichnen würde. Es geht mir dabei nicht um das einzelne Produkt als Endresultat eines industriellen Prozesses, sondern um das ganze System: das Arbeitsumfeld, die Verkehrswege, das verwendete Material …

Was macht Rietveld bis heute relevant?

Ich glaube, er hatte das Glück, in einer Zeit des Umbruchs zu leben. Es gibt immer wieder Momente, in denen Designer schnell mit ihrer eigenen Ästhetik bekannt werden, weil sie zwischen zwei Epochen leben. Auch meine Arbeit hätte in einer anderen Zeit wohl keiner je bemerkt.

Mit seinen Kisten-Möbeln hat Rietveld extrem weit in die Zukunft geblickt, er hat die Do-ityourself- Bewegung vorweggenommen und die Idee des Open Design, bei dem der Designer seine Entwürfe offenlegt.

Die Idee zu diesen Möbeln war sozial motiviert. Gutes Wohnen sollte für alle zugänglich sein. Aber es ist anmaßend, den Menschen etwas vorzuschreiben, das sie nicht mögen. Ja, man konnte diese Möbel selbst machen, aber wollten die Leute das in ihren Häusern haben?

Bis heute arbeiten sich auch junge Designer an Rietvelds Entwürfen ab. Der Rot-Blaue Stuhl wird wieder und wieder neu interpretiert. Warum?

Er spricht so viele essenzielle Designfragen an: ob man kompliziert sein will oder einfach, ob er ein Stuhl ist oder ein Objekt … Als Möbelstück kann man den Rot-Bauen Stuhl definitiv infrage stellen, er passt so gar nicht zum menschlichen Körper. All diese Fragen machen ihn bis heute interessant.

Sie gelten als Vertreter des Kritischen Designs, das sich ebenfalls dadurch auszeichnet, dass es eher Fragen stellt, als Lösungen anzubieten. Wohin soll das führen?

Wir haben so viele Dinge um uns, dass wir sie in ihrem Kontext infrage stellen müssen. Warum sind sie wie sie sind, wie könnten sie besser werden, womit sollten wir aufhören und wie können wir als Designer dazu beitragen? Damit sprechen wir zu den Menschen und übernehmen Verantwortung für die Gesellschaft. Design kann Wandel erzeugen.

Damit unterscheiden Sie sich aber nicht von den Modernisten. Auch sie wollten mit Design die Welt verändern.

Das ist absolut richtig.

 

Am 18. April 2012 war Jurgen Bey auf der Konferenz »Never Mind the Mainstream. About Industry and Experiment in Design« zu erleben, die das Vitra Design Museum und Premsela in der Triennale Mailand veranstaltet hat. Zum Video

 

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