»Architektur als Wald«

Sou Fujiimoto gilt als wichtigster japanischer Architekt der jüngeren Generation. Inspiriert durch organische Strukturen, lotet Fujimoto die Grenzen zwischen natürlicher und gebauter Umwelt aus und entwickelt faszinierende Visionen für eine Architektur der Zukunft. Jochen Eisenbrand, Kurator des Vitra Design Museums, sprach mit Fujimoto über dessen Werk und seine Bewunderung für Louis Kahn.

Wann sind Sie erstmals auf Kahn aufmerksam geworden?

Einer meiner Lehrer an der Universität, Hisao Kohyama, hatte bei Louis Kahn an der University of Pennsylvania studiert. Daher war es für uns ganz selbstverständlich, durch ihn Kahns Werk kennenzulernen.

Was interessiert Sie an Kahns Werk?

Vermutlich die Art und Weise, wie er neue Formen findet, oder archetypische Formen und Räume. Mein architektonisches Denken ist hauptsächlich von Louis Kahns Konzept des Neuanfangs beeinflusst, von der Frage danach, was ein Gebäude sein möchte. Wenn ich über „primitive Zukunft“ spreche, gehe ich tatsächlich zu ganz ursprünglichen menschlichen Verhaltensweisen zurück oder ich beginne bei den Materialien, der Umgebung oder den Tätigkeiten der Leute. Ich gehe gern von einer derartigen, sehr fundamentalen Grundlage aus und überdenke dabei Fragen wie: Was ist ein Ort für Menschen? Oder: Was ist die Konstruktion? Oder: Was ist … einfach alles? Ich denke über neue Architektur gerne von einer solch primitiven Basis aus nach.

In welcher Hinsicht kann Kahns Werk für die Architekten von heute als eine Inspirationsquelle dienen?

Wir müssen Louis Kahns Ideen auf eine Art und Weise weiterentwickeln, die unserer heutigen Zeit entspricht. Die Monumentalität und die Gemeinschaft, ein Ort für Menschen oder ein Monument für Menschen. Zum Beispiel habe ich ein Zentrum für geistig behinderte Kinder entworfen. Mein Auftraggeber und ich versuchten, den Raum auf eine Weise zu gestalten, die die Kinder nicht dazu zwingt, etwas zu tun, sondern es ihnen vielmehr ermöglicht, ganz unterschiedliche Dinge zu tun. Die Kraft der Architektur sollte nach meiner Ansicht für eine derartige Offenheit eingesetzt werden.

Kahn fand Ruinen faszinierend. Wenn man Ihr Werk betrachtet, lässt sich eine ähnliche Faszination feststellen.

Für mich ist die Ruine eine der Grauzonen der Architektur, etwas, das noch nicht oder nicht mehr Architektur ist. Manchmal sind es einfach Mauern, Konstruktionen, Bögen – irgendetwas. Aber die Ruine inspiriert die Leute zu ganz unterschiedlichem Verhalten. Ich denke, darin liegt der Beginn einer Beziehung zwischen dem Raum und dem Menschen. Deshalb versuche ich, in dem House N-Projekt in Japan dieses Potential von Ruinen zu nutzen, um Schichten zu erschaffen. Der äußere Kasten gleicht einer Ruine. Durch die offene Betonkonstruktion kann man hineingehen und wieder herauskommen. Es regnet rein, der Wind bläst hindurch. Eine sanfte, subtile Begrenzung des Grundstücks, des Hauses; da sie aber natürlich aus Beton errichtet ist, ist sie auch eine sehr strikte Begrenzung. Und dann haben wir noch zwei weitere „Kästen“. Das bietet den Leuten unterschiedliche Wahlmöglichkeiten, je nachdem, wie sie sich gerade fühlen oder wie das Wetter draußen ist. Das ist für mich das grundlegende Konzept der Ruinen. Ruinen sind sehr offen, deshalb können die Menschen sehr kreativ sein. Sie können neue Bedeutungszusammenhänge herstellen.

Kahn sprach gerne in Metaphern. Sie haben von der Höhle und dem Nest als zwei noch nicht ausgereiften Stadien der Architektur gesprochen …

Ich liebe Metaphern und Analogien – beispielsweise: „Architektur als Wald“. Damit bringen wir uns dazu, auf eine andere Weise über Architektur nachzudenken. Darüber, wie man etwas zwischen Architektur und einem Wald machen kann. Oder wie man Ideen aus der Natur in die Architektur einbringen kann. Ob man irgendetwas Unerwartetes erschaffen könnte. Ich möchte in einer solchen Metapher nicht steckenbleiben. Ich möchte vielmehr neue Perspektiven finden, um Architektur zu verstehen. Die Metaphern helfen mir dabei, einen Anfang zu machen.

Wo sehen Sie Kahns Position innerhalb der Geschichte der modernen Architektur?

Meine Helden sind Le Corbusier, Mies van der Rohe und Louis Kahn – und ich möchte gerne versuchen, über sie hinauszugehen. Diese Kontinuität ist eine spannende Geschichte. Von den Leuten von früher inspiriert zu werden, aber über sie hinausgehen zu müssen … Louis Kahn ist einzigartig – nicht nur, weil er einen Weg geht, der dem Modernismus entgegengesetzt ist, sondern weil er auch viel tiefer geht, um den Modernismus zu überwinden. Deshalb könnte unsere Generation von dieser Art eines wirklich fundamentalen (nicht primitiven) Ansatzes dazu angeregt werden, die gesamte Geschichte der Architektur neu zu überdenken. Louis Kahn ist für uns in dieser Hinsicht noch immer lebendig und inspirierend.

Weitere Informationen zur Ausstellung "Louis Kahn – The Power of Architecture"

Erwin Wurm